Ferien fast ohne Bildschirm
Ferien fast ohne Bildschirm
Ich bin zurück aus meinen Ferien. Ich war mit meiner Familie im «besten Familienhotel» Schlüchtmühle. Ich muss zugeben, dass sich auch in den Ferien meine Gedanken manchmal um meinen Beruf drehen. Der Auslöser war ein Satz meiner Frau: «Ich habe noch kein Kind im Restaurant vor einem Smartphone oder Tablet gesehen.»
Auch bei den Eltern blieb der Griff zum Handy erstaunlich selten.
Gerade bei Esssituationen in Restaurants und Hotels ist das ja inzwischen keine Seltenheit mehr. Kinder sitzen vor einem Bildschirm, um die Wartezeit zu überbrücken oder ruhig zu bleiben. Ich kenne das auch aus meinem Alltag, es ist praktisch, entlastend und manchmal einfach die naheliegendste Lösung. Man könnte spannende Diskussionen darüber führen, ob das angebracht oder schlecht ist.
Umso mehr ist mir der Unterschied aufgefallen. Die Kinder in diesem Hotel malten, spielten, schauten Bücher an oder waren im Gespräch miteinander, oder dem Servicepersonal. Es war lebendig, manchmal chaotisch, aber vor allem echt und präsent. Ähnlich wie zuhause.
Ich habe mich gefragt, woran das liegt. Sind diese Familien besonders konsequent im Umgang mit Medien? Sind die Eltern entspannter? Vielleicht.
Ich glaube aber, ausschlaggebend war etwas anderes. Die Umgebung war an die Bedürfnisse von Kindern und auch von Eltern angepasst.
Das Hotel war klar auf Kinder ausgerichtet. Es gab eine Spielecke, Malmaterial, Bücher und kleine Spielangebote, genau dort, wo sie gebraucht wurden, zum Beispiel im Restaurant. Die Kinder hatten Alternativen und vor allem auch andere Kinder, die unmittelbar verfügbar und ansprechend waren. Dadurch wurde das Smartphone schlicht weniger relevant.
Auch die Esssituation war auf Familien abgestimmt. Es gab ein Kinderbuffet, ein Vorspeisenbuffet und wenn der Hauptgang bestellt wurde, vergingen nur wenige Minuten, bis er am Tisch war. (Das essen war übrigens sensationell!)
Aus suchtpräventiver Sicht ist das ein spannender Punkt. Wir wissen, dass Mediennutzung stark vom Kontext beeinflusst wird. Gerade bei Kindern geht es oft weniger um bewusste Entscheidungen für oder gegen digitale Medien, sondern vielmehr darum, was ihnen gerade zur Verfügung steht. Medienkompetenz bedeutet deshalb nicht nur, Regeln aufzustellen oder Bildschirmzeiten zu begrenzen. Es geht auch darum, Rahmenbedingungen zu gestalten.
Wenn Kinder lernen, sich auch ohne Bildschirm zu beschäftigen, Langeweile auszuhalten oder eigene Ideen zu entwickeln, stärkt das zentrale Kompetenzen wie Selbstregulation, Kreativität und soziale Fähigkeiten. Das sind wichtige Schutzfaktoren im Umgang mit digitalen Medien und im Hinblick auf Verhaltenssüchte.
Für mich war diese Ferienerfahrung deshalb mehr als nur eine schöne Beobachtung. Sie war eine Erinnerung daran, wie wirksam einfache, gut gestaltete Umgebungen sein können. Wir nennen dies «Verhältnisprävention». Vielleicht liegt der Schlüssel nicht nur darin, Kinder zu befähigen digitale Medien zu reduzieren, sondern auch darin, Räume zu schaffen, in denen sie gar nicht im Mittelpunkt stehen.
Tim Rohr