Ein Königreich im Kindsgi

/Ein Königreich im Kindsgi

Ein Königreich im Kindsgi

Kürzlich habe ich den Kindergarten in Küttigen besucht. Dort wird gerade der spielzeugfreie Kindergarten durchgeführt. Gemäss meinen Kolleginnen und Kollegen ist das eine über 17-jährige Erfolgsgeschichte. Aber ehrlich: Das kann doch gar nicht funktionieren! Ein Kindergarten während drei Monaten ganz ohne Spielzeug. Ich wäre schon froh, wenn es bei uns zu Hause wenigstens ab und zu mit etwas weniger Spielzeug ginge…

So war ich denn auch nicht weiter überrascht, als ich um kurz nach 8 Uhr im Kindergarten das pure Chaos vorfand. Möbel durcheinander, umgekippte Schränke, deren Tablare überall verteilt, Kinder auf Tischen tanzend, johlend, in bunte Tücher eingewickelt, an Seilen aneinander gebunden, einander jagend… Die Kindergärtnerin begrüsste mich herzlich und machte so gar nicht den Eindruck, als ob sie die Kontrolle und die Nerven verloren hätte. Im Gegenteil: Es gehört zum Konzept, dass die meisten Regeln temporär ausser Kraft gesetzt werden, die Kinder sich selbstbestimmt beschäftigen und nur eingegriffen wird, wenn die Sicherheit oder Integrität eines Kindes gefährdet oder eine der wenigen Tabuzonen im Raum verletzt werden.

Auf den zweiten Blick zeigte sich mir denn auch rasch ein wesentlich differenzierteres Bild. Da waren Könige, die riesige Burgen bauen liessen, und Hofdamen, die sich schmückten. Die Hofnarren erzählten fantastische Geschichten und die Bauern besorgten die Felder. Natürlich durften auch Entdecker in Schiffen – oder waren’s Prinzessinnen im Pool? – und die Ritter der Tafelrunde nicht fehlen. Und auch wenn ich möglicherweise die Geschichten hinter dem Spiel alle falsch verstanden habe – der erwachsene Blick erkennt Selbst- und Sozialkompetenzen, die sich im Eiltempo entwickeln, allen Kindern ein wunderbares Selbstvertrauen verleihen und ihr Verantwortungsbewusstsein wachsen lässt.

Besonders eindrücklich ist, wenn einzelne Bürger dieses Königreichs unzufrieden sind. Sie lancieren dann ganz einfach eine Initiative, indem sie eine kleine Glocke läuten und sich auf den blauen Stuhl setzen. Dann kommt das Parlament zusammen, spricht über Wünsche und Bedürfnisse und sucht gemeinsam nach einer Lösung, einer neuen Regel oder sonst einer hilfreichen Idee. Kinder können so viel vernünftiger sein als Erwachsene – wenn wir sie nur lassen!

Reto M. Zurflüh – seit 22 Tagen bei der Suchtprävention Aargau

2018-03-23T15:39:34+00:00